Benin - Reisebericht 2019

"Da bin ich also wieder - auf der asphaltierten Lebensader des Beniner Nordens und der Binnenstaaten Niger und Burkina-Faso. Stoisch dreinblickende und hochkonzentrierte junge Männer steuern zusammengeschusterte, in sich verzogene und vor allem völlig überladene LKW gen Wüste nach Norden. Wir schlängeln uns entlang der kriechenden LKWs, die an jeder Kuppe beinahe rückwärts zu rollen scheinen, durch den abenteuerlichen Verkehr von der wuseligen, rastlosen Metropole Cotonou in Richtung des 70 km entfernten Ortes des Geschehens, dem Gesundheitsprojekt im Dorf Adjadji.

Treiben am Straßenrand auf der Strecke von Cotonou nach Adjadji
Treiben am Straßenrand auf der Strecke von Cotonou nach Adjadji

>> Wir schlängeln uns entlang der kriechenden LKWs, die an jeder Kuppe beinahe rückwärts zu rollen scheinen, durch den abenteuerlichen Verkehr von der wuseligen, rastlosen Metropole Cotonou in Richtung des 70 km entfernten Ortes des Geschehens, dem Gesundheitsprojekt im Dorf Adjadji. Die dichten, grauen Wolken hängen nach einem morgendlichen Gewitter noch tief, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 90 bis 100 %, es ist 34° C – nicht aber bei uns: Die Klimaanlage des von uns 2016 gekauften Geländewagens, der gerade seine 260.000 km einfährt, wobei die jüngsten tausenden beninischen Kilometer mehr gewichten dürften, funktioniert noch. Ich blicke aus dem Fenster auf den vorbeiziehenden Straßenrand der mir bekannten Strecke. Drei Jahre sind seit meinem letzten Besuch in diesem wunderbaren Land vergangen, im Vorbeifahren suche ich nach Veränderungen entlang unserer „Pendlerstrecke“: Die zahllosen Buvettes, kleine, spärlich eingerichtete Bars, Tresen und Imbisstuben, die vielen „Tankstellen“, bei denen man sein Moped in Boxenstopp-Manier mit einer Ladung Sprit in verschieden großen ehemaligen Getränkeflaschen betanken kann, und andere Verschläge am Straßenrand haben sich verringert, ebenso das Gros der gelb-grünen Taxis. Die von mir so bezeichneten „rollenden Bomben“, eine fahrende Kreuzung aus Moped und 200 l Ölfass für den Benzinschmuggel aus Nigeria sind gänzlich verschwunden. Der Verkehr scheint insgesamt ein wenig lichter und weniger verstopft zu sein. An vielen Straßenecken im verstädterten Raum wird gebaggert, gepresslufthämmert, gebohrt und asphaltiert, werden Kanäle verlegt und Leitungen gespannt. In Richtung Togo entlang der Atlantikküste schneidet sich eine neue breite Schnellstraße durch die Landschaft, auch abseits auf der Staubpiste kommen mir Baulaster entgegen. Alles andere scheint unverändert: Unzählige Menschen, die allesamt geschäftigem Treiben nachgehen, die erwähnte Karawane der LKWs, tausende Motorradtaxis und Mopeds, die Improvisation und der Einfallsreichtum der Menschen, wie sie darauf geschickt ganze Familien bis hin zu Kühlschränken transportieren und die Art und Weise allen Dingen ihre Funktionstüchtigkeit zu erhalten. Bei aller Improvisation und Geschäftigkeit wird mir alleine schon im Vorbeifahren wieder der Hintergrund dafür bewusst: Es ist die Armut und der Mangel an Vielem in einem der ärmsten Länder der Welt, mit der die Menschen zurechtkommen müssen.

 

Reformenbemühungen in Benin

Auch ein altes großformatiges Wahlplakat mit schwarz überkrizelten, zensierten Gesichtern und Slogans hängt noch. Ob es mal den amtierenden Präsidenten Patrice Talon abbildete, der nur einige Tage nach meiner Abreise vor drei Jahren ins Amt gewählt wurde, kann ich nicht erkennen. Er hat zur Bekämpfung der Armut ein ambitioniertes Reformprogramm angestrengt, mit dem er durch Infrastrukturausbau, Verwaltungsreformen und Gesetzesänderungen die Wirtschaft zu dynamisieren und zu stärken versucht. Auch Korruption und Kriminalität hat er den Kampf angesagt und macht selbst bei seinen engsten Vertrauten nicht halt. Die Opposition wirft ihm einen zunehmenden autokratischen Drift vor, hat die nationale autonome Wahlkommission doch die Bewerbungsunterlagen mehrerer oppositioneller Parteien für die kommende Neuwahl gemäß seines Wahlgesetztes für ungültig erklärt. Eine Gratwanderung in dem sonst politischen freien und bis dato stabilen Land. Trotzdem ist er bisher, insbesondere beim Blick auf das politische Klima anderer subsaharischer Länder wie Nigeria, ein Glücksgriff für das Land und seine Bürger. Seine ehrgeizigen Reformbemühungen sind wohl der Grund für die beschriebenen Veränderungen: Eindämmung der Schattenwirtschaft und von Schwarzarbeit, Infrastrukturausbau und höhere Besteuerung für etwa Benzin. Auch unser Projekt treffen seine Reformanstrengungen, wie mir später im Dorf anhand des anstelle der Krankenstation emporsprießenden Manioks noch mal verbildlicht werden soll.

 

Was aber hat sich im Großen verändert in dem Land?

Kinder des Dorfes Adjadji
Kinder des Dorfes Adjadji

Beim Human Development Index (HDI), ein Index für den Entwicklungsstand eines Landes bestehend aus den Komponenten Lebenserwartung, Ausbildung und Kaufkraft, rangiert Benin auf Platz 163 von 189. Die zugrundeliegenden Einzelindikatoren und auch andere Indikatoren wie Kindersterblichkeit haben sich seit 2016 leicht verbessert. Doch auch diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, da sie aus ehrgeizigen staatlichen Gesundheitszentren zusammengetragen werden. Den in meinem letzten Mitreisebericht zitierten World Happiness Index, bei welchem neben Daten aus Sozialsystemen im Unterschied zum HDI auch Daten aus Befragungen über die Selbstwahrnehmung der Bürger verrechnet werden, ist Benin das Land mit dem größten Zuwachs zwischen 2016 und 2019 und klettert vom fünftletzten Platz auf Platz 102. So schön diese Entwicklungen auch sind, so dürfen sie nicht den Blick in die Zukunft verdecken: Ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung ist unter 25, davon der Großteil arbeitslos. Ein rasantes Bevölkerungswachstum und Klimaänderungen sitzen dem Land im Nacken. Mali und Burkina-Faso haben gezeigt, dass trotz positiver Indikatoren vermeintliche Stabilität doch plötzlich wacklig wie ein Kartenhaus zusammenfallen kann und dass gesellschaftliche Systeme kollabieren können, die bis dahin irgendwie doch noch funktionierten.

 

Und was hat sich im Dorf verändert?

Diskussionsrunde im Schatten eines Strohdaches zusammen mit dem Comité Villageois
Diskussionsrunde im Schatten eines Strohdaches zusammen mit dem Comité Villageois

Als wir im Dorf ankommen, haben sich die Wolken verzogen, die Sonne scheint gleißend aus dem Zenit. Ich biege um die Ecke unserer Krankenstation und habe ein Déjà-vu: Bunt reihen sich Frauen mit ihren Kleinsten zum Impftag im Schutz des Schattens des Vordaches auf den Bänken auf. Auf dem Tisch türmen sich gelbe Impfausweise und Impfstoffe aus unserem Gaskühlschrank, es ist wieder Montag, es ist Impftag.

 

An einem anderen Tag sitzen wir zusammen mit dem Comité villageois, dem Dorfausschuss und Vorsitzenden der beninischen Partner-NGO versammelt unter einem Strohdach-Pavillon. Es herrscht angespannte Stimmung, geht es doch darum sich auszusprechen, einen vorangegangenen Streit beizulegen und Risse zu kitten. Es wird auch über grundsätzliche Fragen, Klarstellungen der Befugnisse und auch um die des Kontozugriffs diskutiert. Es folgen lange, ausschweifende Reden und beeindruckend respektvolle Diskussionen. Es ist mucksmäuschenstill, gespannt höre ich dem Chef des Dorfvereins bei seiner Rede zu – dass ich kein „Fon“ verstehe, ist in diesem Moment vergessen, zu gebannt verfolge ich seine vielsagende Gestik, Mimik und Intonation. Die Konto-Prokura bleibt beim Dorf-Komitee und damit im Dorf. Dessen Auszahlungen für Gehälter und andere anfallende Ausgaben sind fein säuberlich in einer Kladde gelistet und werden von den Bezahlten mit Unterschrift bzw. Daumenabdruck bei Abholung quittiert. Wir rechnen bis auf den gefahrenen Autokilometer des Krankentransport-Geländewagens und auf den CFA-Franc genau gegen: Die Bilanzen sind nach wie vor wasserdicht und entsprechen genau dem vorab aufgestellten Budget. Wir wertschätzen diese gewissenhafte Geldverwaltung der „Dörfler“, was diese mit Pokerface aber sicherlich auch ein bisschen stolz entgegennehmen.

 

 

Unsere Krankenstation ist stabil

Die Krankenstation verzeichnet nach wie vor stabile Patientenzahlen, die Anzahl der Malaria-Erkrankten ging leicht zurück. Sie bleibt das meistangenommene Gesundheitszentrum im Umkreis . Das Dorf wächst und wächst, die Geburtenrate von knapp 5 Kindern pro Frau macht auch um Adjadji keinen Bogen: Alleine in der Woche unserer Stippvisite wurden 9 Kinder geboren. Draußen vor unserer Geburtsstation steht Nathalie, die Hebammen-Assistentin, der Agromed vor 7 Jahren, damals wohl noch ein schüchternes Mädchen, die Chance zur Ausbildung gab. Mit hochgekrempelten Ärmeln tickert sie nun den draußen wartenden Männern den aktuellen Stand der Geburt durch und ruft im Warteraum den Frauen zu: „Wer ist die Nächste?“.

 

Zusammen mit der beninischen Partnerorganisation PASDI zu Gast bei den "fegenden Frauen"
Zusammen mit der beninischen Partnerorganisation PASDI zu Gast bei den "fegenden Frauen"

Auch die „femmes balayeuses“, die fegenden Frauen begrüßen uns traditionell tänzerisch und mit geschichteerzählendem Gesang und Bananen. Sie sorgen für Sauberkeit im Dorf und rund um unsere Kranken- und Geburtsstation, entfernen nicht nur Plastiktüten sondern auch Gestrüpp, in welchem sich sonst Skorpione und gerne auch unliebsame Schlangen verstecken könnten und erhalten dafür von Agromed eine kleine Gratifikation. Blieb ich beim letzten Besuch noch verschont, so werde ich diesmal aufgefordert mein Tanzbein afrikanisch zu schwingen – eine Belustigung für die ganze Familie, insbesondere die Jüngeren brechen beim Anblick des steifen und wahrscheinlich besonders bemüht-rhythmischen „Jovo“ (Weißen) in schallendes Gelächter aus.

 

Am letzten Tag sitzen wir im Schatten eines Mangobaumes in einem Innenhof im Dorf. Wir haben uns mit allen Angestellten der Kranken- und Geburtsstation und jenen, die im Hintergrund für Agromed und die Gesundheit teils ehrenamtlich oder mit geringer Vergütung arbeiten, versammelt. Von Krankenpflegern, Hebammen, über den Dorfausschuss, den beaufsichtigenden beninischen Arzt Dr. Damassoh, bis hin zur Sekretärin und dem Buchhalter ist unisono der Wille da, das Projekt voran zu bringen und die Gesundheit im Dorf zu verbessern. Vergessen ist die anfänglich angespannte Lage, entspannt geht es um die Zukunft, Kostenvoranschläge, Investitionen und Planungen, um Solaranlagen und kostenlose Blutgruppen- und Malariabestimmungen für Schwangere. Und natürlich um die geplante neue Gesundheitsstation, die alle Versammelten weiter antreibt, weil sie einmal eine bessere Ausstattung garantieren und der steigenden Dorfbevölkerung bei hoffentlich weiter gesteigerter Annahme gewachsen sein soll.

 

 

Perspektiven: Wir wollen bauen!

Abschlussbesprechung mit allen beninischen Projektbeteiligten
Abschlussbesprechung mit allen beninischen Projektbeteiligten

An ihrer Planung ist das Dorf bereits beteiligt und ihr Bau soll aus der Mitte des Dorfes kommen: Das Dorf hat Maurer und Ziegler, Elektriker und Dachdecker, die den Großteil des neuen Zentrums in Eigenleistung erbauen können. Das beteiligt nicht nur das Dorf und stärkt die Bindung zwischen diesem und dem Projekt, sondern lässt künftig anfallende wenig aufwändige, eigene Ausbesserungs- und Reparaturarbeiten kostengünstig zu.

Wir laufen zu der vor drei Jahren gekauften Baufläche. Die damals in meinem Reisebericht euphorisch angekündigte neue Krankenstation finde ich nicht darauf, stattdessen erblicke ich 1,4 Hektar Maniok. Das ist keine Überraschung für uns, wurde doch kurz nach der Wahl des neuen Präsidenten Talon klar, dass das Recht, welches Ausländern untersagt Land im ruralen Gebiet zu kaufen, verschärft wird. Bis dahin war es in der Praxis so üblich, dass Ausländer für humanitäre Zwecke Grundstücke kaufen und ins Grundbuch eintragen lassen konnten. Das wurde uns auch zweimal vom zuständigen Bürgermeisteramt des Bezirks so mit amtlichen Dokumenten bestätigt. Mit Hinblick auf Landgrabbing und die Machenschaften großer ausländischer Investoren auf dem Land sicher eine Verschärfung zum Wohle des Landes. Da stehen wir nun mit gekauftem Land, mit amtlicher Bestätigung über freie Bahn zum Grundbucheintrag, aber nun doch ohne ebendiesen. Um dies in Angriff zu nehmen, fuhren wir zu einem auf Eigentumsfragen spezialisierten Notar in Cotonou. Unsere Idee: Das Grundstück über eine Schenkung an einen dafür aus dem Dorf-Committee hervorgehenden Verein zu übertragen und Agromed im Rahmen einer Erbpacht zusammen mit diesem Verein ins Grundbuch einzutragen. Nun endlich ist der Verein akkreditiert – auch die Mühlen der beninischen Bürokratie mahlen langsam. Der uns wohlgesonnene Notar hielt die Idee für rechtlich umsetzbar und wird dies nach genauer Prüfung hoffentlich rasch schriftlich bestätigen.

 

Dann kann der Grundstein gelegt werden, um diese beindruckenden Menschen in einem Bedürfnis, das wir wohl menschenübergreifend für unser Leben und Überleben alle teilen, zu unterstützen: Dem Bedürfnis nach Gesundheit. Trotz mancher Mühseligkeit und manchem Rückschlag lohnt es sich deshalb zumindest dieser einen Ausprägung der Armut, mit der die Beniner ihren Alltag meistern müssen, auch zukünftig entgegen zu wirken. Mit Spannung können wir also unserem nächsten Besuch entgegensehen."

 

 Jonas Klein, Erlangen im März 2019

Fotos von der Projektreise 2019 >>